Kritik an Hartz IV-Debatte: Offener Brief der GJ Dresden an Guido Westerwelle
Montag, den 15. März 2010 um 10:23 Uhr
Sehr geehrter Herr Dr. Westerwelle,
nachdem Sie durch Parteispenden von Hoteliers und bezahlte Vorträge z.B.
bei einer Liechtensteiner Bank in den vergangenen Wochen eher
negative Rückmeldungen erhalten haben, möchten wir Ihnen hiermit eine
positive Rückmeldung zur der von Ihnen angestoßenen Debatte über
anstrengungslosen Wohlstand geben.
Die Diskussionen der letzten Wochen wurden so geführt, als ob Sie mit
Ihrer Aussage die lediglich 1,6 % bis maximal 2 % der Hartz IV-
Empfänger meinten, welche die Solidargemeinschaft missbrauchen. Jeder
Missbrauch, und sei er auch noch so gering, ist zu verurteilen.
Aber ein Mann mit Ihrem Charakter und Ihrer Persönlichkeit gibt sich
doch nicht mit solchen Kleinigkeiten ab. (Darüber hinaus bleibt Ihnen
in Ihrer Funktion als Außenminister und Parteivorsitzender sicherlich
nicht die Zeit, um sich mit solchen Randthemen zu beschäftigen.) Uns
wie Ihnen ist bekannt, dass die Sozialsysteme durch diese geringen
Missbrauchsfälle nicht gesprengt werden. Ihre absolut richtige Aussage
„wer arbeitet, muss mehr haben als der, der nicht arbeitet“ wurde
sicherlich nur falsch interpretiert.
Meinten Sie nicht damit, dass sich an der Einkommensverteilung etwas
ändern muss?
Echte Arbeit und damit Wohlstand schafft doch nur derjenige, der
körperlich oder geistig etwas leistet, also zur Wertschöpfung in
der Gesellschaft beiträgt. Dies muss auch entsprechend honoriert
werden. Zurzeit ist es leider so, dass einige in unserer Gesellschaft
durch Kapitaleinkünfte (Dividenden, Zinsen, Immobilien) mehr
verdienen als der durchschnittliche Arbeiter/die durchschnittliche Arbeiterin.
Entspricht dies dem Leistungsgedanken Ihrer Partei, zumal sich viele der Anleger
gar nicht um ihr Vermögen kümmern, sondern dies anderen Leuten wie
Vermögensberatern oder Immobilienverwaltern überlassen? Ist dies mit
dem Leistungsgedanken zu vereinbaren? Sollte es nicht eher so sein, dass
das Haupteinkommen durch Arbeit und nur ein dazu im Verhältnis
stehendes Zusatzeinkommen durch Vermögen verdient wird?
Ihre Partei möchte doch das Steuersystem gerechter machen. Unser
Gedankenansatz dazu ist: Steuern auf Erwerbsarbeit senken, Steuern
auf Kapitalbesitz und Zinsgewinne deutlich erhöhen. Diesen
Gedankenansatz dürfen Sie gerne übernehmen. Dann lohnt sich Arbeit auch
wieder!
Ein anderes Thema, dass in der Diskussion um Hartz IV zu unrecht
in den Hintergrund gedrängt wurde, ist die Vermögensverteilung in
Deutschland. So besitzen 10% der Deutschen mehr als 63% des
Gesamtvermögens, 70% der Deutschen haben zusammen weniger als 9% des
Vermögens. Würde diese Vermögensverteilung der
(Lebens-)Arbeitsleistung der Bürger entsprechen, so wäre dies noch
einigermaßen verständlich. Leider ist es so, dass das meiste Vermögen
durch Vererbung akkumuliert wird. Was haben die Lebensleistungen der
Eltern bzw. der Großeltern - mit all ihren Entbehrungen - mit dem
Besitz ihrer Kinder und Enkel zu tun?
Wohlstand wird somit in vielen Fällen anstrengungslos vererbt. Und
wer anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt, um Ihre Worte zu
gebrauchen, zu „spätrömischer Dekadenz“ ein.
(Um Missverständnissen vorzubeugen: Unsere Betrachtungen beziehen sich
nicht auf die Vererbung von Firmen / Unternehmen sowie selbstgenutzten
Wohnraum. Diese Art von Vererbung ist aus unserer Sicht anders zu
bewerten.)
Es ist überaus mutig von Ihnen, dass Sie mit Ihren
Diskussionsbeiträgen Themen ansprechen, die vor allem Ihr eigenes
Wählerklientel betreffen. Dies zeichnet einen wahrhaft großen
Staatsmann aus.
Vielen Dank, dass Sie die Diskussion zu diesem wichtigen Thema eröffnet haben!
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Grüne Jugend Dresden




