Position der Grünen Jugend Dresden zum Thema Politikverdrossenheit

Politikverdrossenheit – ein Schlagwort, dass 1992 zum "Wort des Jahres" gewählt wurde. Auch wenn es eher in die Kategorie „Unwort des Jahres“ passen würde, zeigt die Wahl zum Wort des Jahres und die Jahreszahl, dass es kein neues Phänomen ist, über das hier diskutiert wird.

Phänomene negativ zu formulieren und zu fragen, was man dagegen tun kann, ist scheinbar ein Lieblingssport der Deutschen. In anderen Sprachen gibt es kein so gängiges Wort dafür wie im Deutschen. Warum kann nicht positiv gefragt werden, wie man junge Leute für Politik begeistern kann?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort und kein Patentrezept. Schließlich beschäftigen sich ForscherInnen und PolitikerInnen schon jahrzehntelang mit der rückgehenden Wahlbeteiligung und dem steigenden Desinteresse an Politik.

Zuerst einmal ist es relativ absurd, die niedrige Wahlbeteiligung bei den letzten OB-Wahlen in Dresden mit der Politikverdrossenheit besonders unter Jugendlichen zu erklären. Sachsen hat ein sehr konservatives Wahlrecht und es ist nicht möglich, bei kommunalen Wahlen schon mit 16 Jahren zu wählen, wie es in einigen Bundesländern bereits üblich ist. Die Grüne Jugend ist der Meinung, dass hier ein dringender Reformbedarf besteht! Wen betreffen denn Schulschließungen, unsanierte Kinderspielplätze, Baustellen auf Radwegen oder die Jugendförderung im Sport? Die Diskussion um ein allgemeines Wahlrecht ab 16, 14, 12 oder gar ab 0 Jahren, dass dann die Eltern kommissarisch ausüben dürften, geht leider völlig unter. Unsere Bevölkerung wird im Schnitt aber älter und so besteht die Gefahr, dass Interessen von Kindern und Jugendlichen in Zukunft immer mehr vernachlässigt werden.

Natürlich bedeutet eine Senkung des Wahlalters nicht ein automatisches Interesse an Politik. Hier sind Eltern und LehrerInnen in besonderem Maße gefordert. Leider wird zum Beispiel unser Angebot, uns mit den anderen Jugendverbänden in den Dresdner Schulen vorzustellen und mit den SchülerInnen Politik live nachzuspielen, von kaum einer/m LehrerIn wahrgenommen. Wieso soll die jüngere Generation sich Politikverdrossenheit vorwerfen lassen, wenn Eltern und LehrerInnen nicht das politische Gespräch suchen oder politisches Engagement in Parteien oder Vereinen vorleben? Wenn über die Hälfte der BundesbürgerInnen nicht mehr der Meinung ist, dass die Demokratie die beste Staatsform zur Lösung unserer Probleme ist, dann wäre politische Aufklärung dringend von Nöten. In diesem Zusammenhang betrachten wir mit großer Sorge sich verstärkende faschistische Tendenzen unter jungen Leuten (Angriffe auf die Dönerläden in der Neustadt, hohe Stimmenanteile für die NPD bei den letzten Wahlen). Wir mobilisieren und protestieren dagegen, so zum Beispiel am 18. Oktober 2008, wenn gegen den Naziklamottenladen Larvik in Dresden demonstriert wird. Vom bundesweiten Trend der Parteiaustritte, der vor allen Dingen den beiden großen Volksparteien zusetzt, sind Bündnis 90/Die Grünen nicht betroffen. Im Gegenteil, Grün wächst! Dies liegt sicherlich zum einen an der guten Mitgliederwerbung und zum anderen an unserem zukunftsgerichteten Profil. Klimawandel, Generationengerechtigkeit oder auch die Ausbildungssituation von jungen Leuten sind nur einige Themen, die in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen werden. Auch die Grüne Jugend Dresden wächst seit einiger Zeit, so dass wir inzwischen eine stabile Basisgruppe sind. Bei uns engagieren sich auch SchülerInnen, die jünger als 18 Jahre sind und sie haben natürlich volles Wahl- und Stimmrecht. Junge Politik lebt vom Mitmachen und von der Meinung der Jüngsten! Dass Politik überhaupt nicht langweilig ist, erleben wir bei unseren Straßenaktionen, wenn wir auf kritischen Konsum, auf Anti-Atomkraft oder auf die miese Bezahlung von Auszubildenden aufmerksam machen. Dass Politik nicht elitär oder abgehoben ist, kann man bei uns auch erleben. JedeR in der Basisgruppe hat volles Stimm- und Wahlrecht, kann Texte für die Website verfassen, Aktionen organisieren und mitdiskutieren. Und mit 28 Jahren ist Schluss bei der Grünen Jugend, denn schließlich wollen wir auch wirklich eine Jugendorganisation bleiben und keine Interessenvertretung der Mittdreißiger.

Dieser Artikel unseres Mitglieds Antje Berthold erschien gekürzt in der Septemberausgabe 2008 des Jugendmagazins Skunk (http://www.skunk.de/).